Auf den Bus werden sie kaum warten, die jungen Männer haben
anderes im Sinn. Aber in der Rohrdorfer Bushaltestelle ist es an diesem
noch jungen Tag wenigstens trocken. Wir, Wolfgang und ich, dagegen müssen
im Regen die Bikes
ausladen, die Radschuhe anziehen und alles, was zu einer
Mountainbiketour so gebraucht wird, am Rad oder im Rucksack
unterbringen. Ein paar aufmunternde Worte werden noch mit einem zur
Bushaltestelle eilenden Kumpan der dort schon wartenden gewechselt.
"Da habt ihr euch auch das beste Wetter rausgesucht", meint
der Ausflügler. "Ihr aber auch", kommt es von unserer Seite
zurück. Es ist Himmelfahrtstag heute, mindestens genauso gut bekannt
als Vatertag. Also machen wir einen Ausflug. Sicher wird unserer
anstrengender sein als der, den die Kerls von der Bushaltestelle
vorhaben. Aber bestimmt werden sie genauso viel Spaß haben wie wir.
Eben anders. Wir gönnen es ihnen jedenfalls.
Am Rohrdorfer "Waldbad", der Rohrbacher Bach wird
hier aufgestaut, treffen wir auf ein paar Wanderer. Recht warm angezogen
sind sie, die Regencapes werden gerade überzogen. Von hier aus geht der
Wanderweg zur "Himmelsleiter", die am Ende des Rohrdorfer
Tobels auf diejenigen wartet, die zu Fuß unterwegs sind. Wir nehmen den
unscheinbaren Weg, der nach rechts abzweigt. Nur auf sehr guten Karten
ist er eingezeichnet. Die 1:25000er Karte des Glasmacherwegs ist so
eine.
Sofort geht es steil nach oben, der Forstweg windet sich
kurvenreich nach oben. Herrliche Einblicke in die unter uns liegenden
zahlreichen Tobel der Adelegg tun sich auf. Gleich nach dem Ochsenkapf
kommen
wir an der ehemaligen Zingerlesalpe vorbei. Auf gut 1000 Meter Höhe
sind wir hier. Der Forstweg zum Schwarzen Grat, dem höchsten Berg Württembergs
übrigens, macht durch sein ständiges Auf und Ab durchaus Mühe.
Kurz nach der ehemaligen Schletteralpe überholen wir zwei
Wanderinnen, sonst ist niemand unterwegs. Ein paar auf und ab´s noch,
ein paar Mountainbiker begegnen uns nun, schon sind wir auf dem Gipfel
des Schwarzen Grats. Hier steht der 1971 vom Schwäbischen Albverein
erbaute Schwarzer-Grat-Turm, ein 28 Meter hoher Aussichtsturm, der den im Jahr 1878 errichteten
Aussichtspavillon ersetzt.
Nach einem kurzen Palaver mit ein ein paar Bikern, die gerade
am Aufbrechen sind, entschließen wir uns, trotz der heute nicht
vorhandenen Aussicht, auf den Turm zu steigen. Echt schade, bei gutem Wetter hätten wir von hier aus
weit in die Alpen sehen können. Aber wir sehen noch nicht einmal das
Sonneck, unser nächstes Ziel. Aber macht nichts, wir waren oben! Ich
nicht zum ersten Mal, Wolfilein schon.
Der Wurzeltrail zum Wenger Egg ist heute nicht komplett
fahrbar, es ist Nass und glitschig, sodass wir im unteren Teil
vorsichtshalber absteigen und die Räder schieben. Wenn es trocken ist,
ist dieser Trail ein Highlight jeder Schwarzer-Grat-Tour.
Noch ein Stück Abfahrt, dann geht es auf das Raggenhorn,
oberhalb der Wenger-Egg-Alpe. Mit hohem Tempo kommen wir an, nur eine
Spur zeigt den Weg. Aber es ist verdammt steiler, als es zunächst
aussieht. Aber es geht, immerhin fahrend kommen wir oben an. Lange ist
es nicht her, dass ich hier war. Zu Fuß, mit viel Schnee, dem Schatzi
und ner Thermoskanne mit Tee. Damals sind hier zwei Jungs hochgekommen,
mit den Snowboards auf dem Rücken. Die haben besprochen, ob sie nun den
oder diesen Weg abfahren sollten. Respekt!
Wir nehmen den Pfad, der nach Wengen runter geht. Dass der
nicht unbedingt zu den fahrbaren Wegen gehört, war mir bei der
Tourenplanung schon klar. Pfadspur, d. h., es wird nicht einfach oder es
ist unmöglich, hier zu fahren. Zu Beginn ist der Pfad fahrbar, wenn
auch nur, wegen der Nässe, sehr eingeschränkt. Aber das bekommen wir
ganz gut hin. Durch einige, quer auf dem Weg liegende Baumstämme werden
wir immer wieder gezwungen, abzusteigen. Teilweise geht es dann so steil
abwärts, dass es selbst bei trockener Witterung fraglich ist, ob man
hier fahren kann.
Wengen, die ersten Meter Asphalt haben wir hier. Aber nicht für
längere Zeit.
Weil wir das Sonneck von Ost nach West durchqueren wollen,
ist der Plan so, dass wir übers Schwändle zum Sonneckgratweg gelangen
wollen. Das geht auch zunächst ganz gut. Nach dem Ortsende von Wengen
fahren wir steil nach oben, asphaltiert ist es hier. Bald kommt die fast
nicht zu erkennende Abzweigung zum Pfad. Gerade noch fahrbar geht es auf
einer Spur nach oben. Nicht lange, dann müssen wir absteigen und
schieben. Links von uns entdecken wir die Seile eines Schleppliftes, wir
kommen entlang des Skihangs zur Bergstation der kleinen Anlage. Erst ab
hier können wir wieder fahren. Ein Weg ist nicht erkennbar, zwischen
Weiden und Waldrand fahren wir weiter.
Den
dünnen Draht, der von der Weide zum Wald gespannt ist, sehe ich erst im
allerletzten Moment und komme gerade noch zum Stehen. Wir können kein
Vieh auf der Weide entdecken. Hilfsbereit, wie der gute Wolfgang eben
ist, will er seinem älteren Mitfahrer helfen und den Draht nach oben
heben. Das hätte er besser nicht versucht. Manchmal stehen Weidezäune
auch unter Strom, wenn es eigentlich gar nicht sein müsste. Das tat
weh! An dieser Stelle ein herzliches „Vergelt´s Gott“ für den gut
gemeinten Versuch. Bei passender Gelegenheit werde ich mich dafür
revanchieren.
Ein Weg ist immer noch nicht erkennbar, so fahren wir auf den
von den Rindern angelegten Trampelpfaden weiter. Einfach ist das am schrägen
Hang nicht, einmal falle ich talwärts vom Rad. Na ja, passiert ist ja
nichts. Ich glaube aber, dass wegen dieses Missgeschicks jemand gelacht
hat.
Wieder ein Zaun, dieses Mal gehen wir vorsichtig unten durch.
Die Räder werden über den Zaun gehoben. So geht das auch! Schmerzfrei
sogar. Am nahen Waldrand sehen wir dann endlich ein Wanderwegschild. Ein
Zaun noch und ein Viehdurchlass und wir sind wieder auf fahrbarem
Untergrund.
Die Orientierung wird nun echt zum Problem. Einige neue
Forstwege wurden angelegt, Ältere gibt es zum Teil gar nicht mehr. Das
GPS will uns auf einen schon fast nicht mehr zu erkennenden Weg führen.
Wir schenken der Technik keinen Glauben und fahren dem frisch
geschotterten Weg nach. Irgendwo werden wir schon rauskommen und wieder
auf die geplante Route kommen.
Nach einer schnellen Abfahrt kommen wir bei Weilerle auf die
Straße, die nach Osterhofen und Rechtis führt. Das wissen wir aber
erst nach dem Blick auf die Karte. Also sind wir gar nicht so weit weg
von unserer Route.
Schnell sind wir auf dem Wanderweg, der zur Sonneckhöhe führt.
Zunächst können wir auf dem steilen Schotterweg relativ „bequem“
nach oben fahren. Das ändert sich dann, als wir auf dem Sonneck-Gratweg
sind. Durch den nun schon seit Tagen anhaltenden Regen ist selbst der
Waldboden tief aufgeweicht, große und kleine
Pfützen müssen durchfahren werden. Bald sehen wir aus wie die
Wildschweine nach einer Suhle. Spaß macht´s aber trotzdem. Wenn sich
nur später ein hilfreicher Geist finden würde, der die Räder putzt!
Vergiss es! Wir bleiben nun im Wesentlichen immer auf 1100 Meter Höhe,
nur ab und zu geht es mal runter und gleich wieder hoch. Der Regen ist
inzwischen heftiger geworden, wir werden von unten und von oben
begossen. Kalt wird es dazu auch noch.
Oberhalb von Weitnau treffen wir auf eine Gruppe
Jugendlicher, die mit ihren Bikes hier hochgefahren sind. In kurzen
Hosen und T-Shirts. Bei dem Anblick wird’s mir noch kälter.
Das letzte Stück des Gratweges ist ein Schmankerl der
Extraklasse. Vom Hochschieben her kenne ich diesen Trail noch ganz gut.
Aber das es hier dermaßen steil nach unten geht, war mir nicht mehr in
Erinnerung. Der stark verwurzelte Pfad erfordert höchste Konzentration,
ein Sturz wäre hier nicht gut. Die Scheibenbremsen laufen heiß und
fangen an, seltsame Gerüche von sich zu geben. Aber sie bremsen trotz
der Nässe ausgezeichnet. Klasse Erfindung! Erst kurz vor der Klausenmühle
hat der Spaß ein Ende.
Hier brechen wir unsere Tour ab, es ist nun eiskalt und der
Regen hört wohl auch nicht mehr auf. Über Argen und Großholzleute
fahren wir auf der Straße zurück nach Rohrdorf. Es werden kalte
Kilometer, meine Finger spüre ich schon fast nicht mehr. So kann man
den Vatertag also auch verbringen.